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AIQUM » Forum » TOP-Thema » Flüssige Kalorien, Zucker und Übergewicht...
Thema Autor Datum
Flüssige Kalorien, Zucker und Übergewicht... AIQUM 01.07.2007, 22:07:52

Ein hoher Konsum zuckerhaltiger Getränke wird z. T. als eine der möglichen Ursachen für die erhöhte Inzidenz von Übergewicht und Adipositas in den USA angesehen. Die derzeit verfügbaren Studien zeigen hierzu widersprüchliche Befunde. Außerdem lassen sie aufgrund methodischer Limitierungen kaum kausale Schlussfolgerungen zu. Vermutlich führt der Verzehr von „flüssigen Kalorien“ nur dann zur Gewichtszunahme, wenn die dadurch aufgenommene Energie nicht durch eine entsprechend reduzierte Aufnahme anderer Nahrungsmittel oder einen erhöhten Energieverbrauch kompensiert wird.

Der regelmäßige Verzehr von zuckerhaltigen Getränken gilt nach einigen epidemiologischen und experimentellen Studien aus den USA als ein Faktor für die Entwicklung von Übergewicht. Als Ursache gelten der hohe Zuckergehalt sowie der geringe Beitrag der Getränke zur Sättigung. Obwohl eine gewisse Parallelität zwischen einem hohen Konsum zuckerhaltiger Getränke und der wachsenden Inzidenz von Übergewicht zumindest in den USA nicht von der Hand zu weisen ist, begünstigen bekanntlich auch andere Faktoren eine Gewichtszunahme (säkulare Faktoren, Aktivitätsmangel, Ernährungsgewohnheiten). Im folgenden Übersichtsartikel setzen sich die Autoren kritisch mit den aktuell verfügbaren Studien zu diesem Thema auseinander.

Dabei zeigt sich, dass die Studien in der Regel methodische Mängel aufweisen: kurze Beobachtungszeiten, mangelnde oder fehlende Angaben zu generellen Ernährungsgewohnheiten oder körperlicher Aktivität etc. Dadurch sind Schlussfolgerungen über einen kausalen Zusammenhang von beobachteter Gewichtszunahme und hohem Konsum zuckerhaltiger Getränke nur eingeschränkt zulässig. Generell finden sich widersprüchliche Ergebnisse zum Einfluss zuckerhaltiger Getränke auf die Gewichtsentwicklung, sodass eine abschließende Bewertung hierzu noch nicht möglich ist. Die meisten Studien untersuchen zudem den Einfluss von mit Maissirup gesüßten fruktosehaltigen Getränken („high-fructose corn syrup“/HFCS) und nur wenige beschäftigen sich mit Getränken, die mit Saccharose gesüßt werden. Der Einfluss von Fruktose auf die Insulinsekretion und die Synthese von Leptin ist noch nicht eindeutig geklärt.

Konsum zuckerhaltiger Getränke und Körpergewicht/-entwicklung: In den USA besteht bei >2-Jährigen bereits mehr als 16% der täglichen Energieaufnahme aus zuckerhaltigen Getränken (Softdrinks, Säfte/Saftgetränke, Milchgetränke). Obwohl der Anteil Übergewichtiger bei den 2-19-Jährigen dramatisch angestiegen ist, zeigte sich aber nur in der Gruppe weiblicher Jugendlicher parallel eine signifikante Zunahme des Softdrinkverzehrs. In einigen Studien konnte bei Übergewichtigen im Vergleich zu Normalgewichtigen ein erhöhter Konsum zuckerhaltiger Getränke nachgewiesen werden. Allerdings fand man dann bei den Übergewichtigen gleichzeitig auch eine erhöhte Aufnahme anderer Nahrungsmittel bzw. eine reduzierte Körperaktivität. Aussagekräftige Langzeitstudien zu dieser Thematik mit Beobachtungszeiträumen von 1-4 Jahren sind selten und wurden meist bei Kindern/Jugendlichen durchgeführt. Die Ergebnisse dieser Langzeituntersuchungen zeigen entweder keinen Zusammenhang zwischen der Verzehrsmenge zuckerhaltiger Getränke und dem Körpergewicht/BMI oder aber nur eine verhältnismäßig geringe Begünstigung einer Gewichtszunahme durch einen hohen Konsum. Bei Erwachsenen wirkte sich hingegen ein erhöhter Konsum zuckerhaltiger Getränke stärker auf eine Gewichtszunahme aus, insbesondere dann, wenn die Probanden bereits in den 5 Jahren vor Studienbeginn zugenommen hatten.

Einfluss von Ernährungsinterventionen und Diätgetränken auf das Körpergewicht: Studien, in denen bei Kindern/Jugendlichen Maßnahmen zur Reduktion des Softdrinkkonsums bzw. zur Umstellung auf kalorienarme Softdrinks durchgeführt wurden, führten zur Reduktion des Verzehrs bzw. der Kalorienaufnahme über Softdrinks. Erstaunlicherweise führte diese Reduktion aber nicht parallel zu signifikanten BMI-Änderungen mit Ausnahme von Jugendlichen mit einem Baseline-BMI >30. Hier machte sich die Kalorienreduktion in einem mäßigen Gewichtsverlust bemerkbar.

Beobachtungsstudien, die den Einfluss von kohlensäurehaltigen Diät-Softdrinks untersuchten, lieferten keine eindeutigen Ergebnisse: Während ein Teil der Studien bei Kindern/Jugendlichen keinen Einfluss auf das Körpergewicht dokumentiert, zeigen andere eine positive oder auch negative Korrelation zwischen Diät-Getränkekonsum und Gewichtszunahme. Die Aussagekraft dieser Studien ist allerdings limitiert, da Informationen zum allgemeinen Ernährungsverhalten der Studienteilnehmer fehlen und damit ein kausaler Zusammenhang von Gewichtsänderungen und Getränkekonsum nicht überzeugend möglich ist.

Laborstudien: Experimentelle Studien zeigen bei Probanden, die zuckerhaltige Getränke über einen vorgegebenen Zeitraum konsumieren, eine höhere Gewichtszunahme als bei Probanden, die das gleiche Flüssigkeitsvolumen in Form kalorienfreier Aspartam-gesüßter Getränke verzehren. Die Ursache für die Gewichtszunahme lag meist darin, dass die Probanden die zuckerhaltigen Getränke (Softdrinks) zusätzlich zu den normalen Mahlzeiten verzehrten und die Energieaufnahme über andere Nahrungsmittel nicht reduzierten. Möglicherweise ist für das unveränderte Ernährungsverhalten auch die mangelnde Sättigung durch die Getränke, z.B. durch das Fehlen von Ballaststoffen verantwortlich. Durch den Getränkekonsum plus die unveränderte Nahrungsaufnahme stiegen die tägliche Energieaufnahme und damit das Gewicht.

Klinische Studien mit zuckerhaltigen Formuladiäten: In klinischen randomisierten Untersuchungen wurden zur Gewichtsreduktion Mahlzeiten durch meist flüssige fettarme Diätprodukte ersetzt (liquid meal replacement/MR). Diese Produkte enthielten Zucker (z.B. HCFS) sowie Ballaststoffe und Proteine. Man konnte zeigen, dass bei bis zu 2 Ersatzmahlzeiten pro Tag mit einer Gesamtenergieaufnahme von 800-1600 kcal/Tag ein signifikanter und anhaltender Gewichtsverlust möglich ist, obwohl der Zuckergehalt der Ersatzmahlzeiten z.T. über dem von Softdrinks lag. Der Gewichtsverlust lag einer Metaanalyse zufolge deutlich über dem, der mit isokalorischen Diäten mit konventionellen Nahrungsmitteln zur Gewichtsreduktion erzielt wurde. Während der Diät mit flüssigen Ersatzmahlzeiten wurde auch nicht über ein mangelndes Sättigungsgefühl geklagt. Die Gewichtsreduktion durch Ersatzmahlzeiten war dabei nicht nur im klinischen Kontext, in dem die Patienten motiviert sind und einer kontinuierlichen ärztlichen Kontrolle unterliegen, sondern auch unter alltäglichen Bedingungen effektiv.

Demnach scheint der Verzehr von zuckerhaltigen Getränken nicht per se zur Gewichtszunahme zu führen. Durch die mangelnde Kompensation der zusätzlich aufgenommenen Energie durch eine Reduktion der festen Nahrung oder durch Bewegung, kann es zur positiven Energiebilanz und Gewichtszunahme kommen. Ersetzen zuckerhaltige Getränke (z.B. Formuladiätprodukte) hingegen eine Mahlzeit, wird Energie eingespart, was wiederum zur Gewichtsreduktion führt. Insgesamt ist die epidemiologische Evidenz für einen Zusammenhang des Getränke-Konsums mit der Entwicklung von Übergewicht schwach.

Drewnowski, A., F. Bellisle (Center for Public Health Nutrition, University of Washington, Seattle, USA; Institut National de Recherche Agronomique; Centre de Recherche en Nutrition Humaine, Ile de France, Bobigny, Frankreich): Liquid calories, sugar, and body weight.
American Journal of Clinical Nutrition, 85, (2007) pp.651-661.
IME 7-10253


URL:  http://www.forum-ernaehrung.at/downloads/IME-Wiss-Infodienst-Mai2007.doc



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