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AIQUM » Forum » TOP-Thema » Die zwei Welten des Übergewichts
Thema Autor Datum
Die zwei Welten des Übergewichts AIQUM 13.03.2004, 00:40:59
Prof. Volker Pudel, einer der führenden Ernährungswissenschaftler Deutschlands, über die aktuelle Misere um die Verwirrung der Menschen im Hinblick auf die Behandlungmethoden des Übergewichts.

(Anmerk.: Prof.Pudel vertritt wie AIQUM auch die Auffassungen der DGE) 



"In Salzburg trafen sich vor ein paar Tagen Kliniker und Forscher aus der Schweiz, Österreich und Deutschland zum diesjährigen Adipositaskongress, um zwei Tage die neuesten Erkenntnisse der Forschung vorzustellen und ihre Bedeutung für die Behandlung des Übergewichts zu diskutieren.
Wenn ich erlebe, was auf diesem oder ähnlichen Kongressen besprochen wird, und vergleiche, was im tatsächlichen Leben wirklich geschieht, dann muss es eigentlich zwei Welten geben. Die Welt mit den tollen Erkenntnissen und die Welt mit unwirksamen oder falschen Überzeugungen.

Da arbeiten Tausende von Wissenschaftlern in der ganzen Welt, um hinter die Geheimnisse des Übergewichts zu kommen. Vieles ist bereits geklärt. Manche speziellen Fragestellungen, insbesondere die zur Genetik, liegen noch weitgehend im Dunkeln. Doch von Jahr zu Jahr werden beachtliche Fortschritte erzielt.

Doch in der anderen Welt regieren die Medien und das Überzeugungswissen der Menschen. Einen stärkeren Kontrast kann man sich nicht vorstellen. Da verspeisen Tausende die Trennkost, kaufen Pillen, die das Fett auflösen sollen oder quälen sich schlichtweg mit "Friss die Hälfte". Sinnlose Versuche, die Übergewicht anwachsen lassen.

Ich könnte mir die Haare raufen. Deutschland wird immer dicker, nachdem immer mehr Menschen versuchen, gegen ihr Übergewicht anzugehen. Diese paradoxe Situation ist mit kühlem Kopf nicht mehr zu verstehen. Hat kollektive Dummheit die Menschen befallen?
Sicher nicht. Jeder versucht, auf seine Weise sein Problem zu lösen. Dabei helfen Anzeigen, die das "Blaue vom Himmel" versprechen, doch die stoßen auf Leidensdruck und erzeugen Hoffnungen, die zu unsinnigen Maßnahmen verleiten. Da konnte ich die AOK überzeugen, in Baden-Württemberg und Sachsen jeweils landesweite Kampagnen zu starten, damit die Menschen mit weniger Fett und mehr Kohlenhydraten eine gute Figur machen. Schon tönt Nicolai Worm über den offiziellen Kassenarzt "Des Pudels Kern: Bringt die AOK die Dicken um?" Auf dem Adipositas-Kongress wird man Worm aber nicht treffen.

Es ist zum Verrücktwerden. Die Kommunikation selbst über Ernährung, Abnehmen und Gewichthalten ist verrückt. Es gibt nichts, was nicht empfohlen wird. Mehr Fett, weniger Fett, mehr Kohlenhydrate, weniger Kohlenhydrate. Mehr essen, weniger essen. Eiweißreich oder eiweißarm. Verständlich, dass da keiner mehr durchblickt. Die Meinungsfreiheit dominiert, und jeder, der etwas sagen will, sagt etwas.

Auf wissenschaftlichen Kongressen gibt es auch Meinungsfreiheit, klar, aber gehört wird nur der, der etwas weiß. Heute wird Evidenz-basierte Medizin gefordert. Meinung und Überzeugung reichen nicht. Nur harte Ergebnisse aus klinischen Studien zählen, die beweisen können, welche Methode zu welchem Effekt führt.

An der Behandlung des Übergewichts forsche ich seit über 30 Jahren.
Ich weiß eines genau: Patentlösungen gibt es nicht. Aber erprobte Wege, die höchstmöglichen Erfolg haben.

Darum freue ich mich besonders, dass mir in Salzburg der "Therapiepreis der Deutschen Adipositas-Gesellschaft" verliehen wurde."
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24.05.2012, 14:56:24